Aus dem
Ausgabe Mai 2003 - Copyright SKN Druck und Verlag GmbH & Co. KG - Text: Silke Arends-Vernholz

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DANGAST - KULT AM JADEBUSEN



Im mehr als 200 Jahre alten Seebad Dangast ist einiges anders. Hier gibt es tidegewöhnte Kunst, einen Mann mit Bundesverdienstkreuz, der im Jahr fünf Tonnen Rhabarberkuchen schneidet, und eine illustre Glaubensgemeinschaft, die über einem Pott Kaffee den siebten Tag ehrt.

Sonntags, halb elf im Kurhaus in Dangast. Eine "Süddeutsche" sitzt neben der "Bild", ein bewährtes Ehepaar in Bequemschuhen neben Händchen haltenden Piercing-Fetischisten. Vier gackernde "Bravo"-Leserinnen teilen sich die Aufklärungsseiten, eine Schar adretter Seniorinnen ein paar Kannen Kaffee, Brötchen und Piccolos. Ein Säugling verlangt nach Mutters Brust, ein Sachse nach "Chraboarboakuchen".

"Kuchen gibt's beim Chef", erfärt der Gast von drüben am Selbstbedienungs-Tresen. Der Chef heißt Karl-August Tapken, residiert vornehmlich hinter der Gebäck-Theke und schneidet selbst. Seine Auswahl weckt Begehrlichkeiten. Der Rhabarberkuchen mit üppiger Baiserauflage ist himmlisch, erzählt man sich auf der Erde rund um Dangast und darüber hinaus. "Schreiben Sie das bloß nicht, hier ist sowieso schon immer so viel los", unterdrückt Tapken erfolglos ein verschmitztes Lächeln
Er weiß, dass das nichts nützt. Bei allem Gaumenkitzel, den er und seine Familie seit Jahrzehnten zu verantworten haben, die Leute pilgern nicht allein seinetwegen in die ehemals gräfliche Seebadeanstalt. Sie kommen und gehen wie die Gezeiten, weil sie nebenbei auf den Jadebusen und den kleinen Sielhafen gucken, am Strand schlendern, rasten und parlieren, um sich danach über noch einem Kaffee drinnen oder draußen zu unterhalten oder auszuschweigen. Während die Tauben im Fassaden-Efeu am Kurhaus flattern und gurren, inhalieren die Müßiggänger Atmosphäre - bis heute wird das Nordseebad als "Worpswede an der Küste" beschrieben.

Um 1910 logierten hier Vertreter der Künstlergruppe "Die Brücke", 1921 kam Franz Radziwill (1895-1983) zum ersten Mal und blieb ein Jahr danach endgültig. Das Radziwill-Haus in der Sielstraße ist seit Jahren Treffpunkt für Kunstliebhaber, wechselnde Ausstellungen machen das möglich. Einen Namen machte sich zudem der Journalist und spätere Kunstmaler Willy Hinck. Aber auch verschrobene Persönlichkeiten prägten den Ort im letzten Jahrhundert. Die Künstlerin Trude Rosner-Kasowski beispielsweise flanierte mit einer angeleinten Stockente durch den Ort.

Mit den 1970er Jahren kamen die Aktionisten und neuen Kunst-Interpreten. Ab 1975 mischten Schüler von Joseph Beuys und Mitglieder der "Freien Akademie Oldenburg" mit Sitz in Dangast die Idylle rund um das Kurhaus auf. Das war auch die Zeit von Anatol, dem Beuys-Schüler. Er färbte Bäume rot und blau und ließ einen riesigen Pfeil von einem Hubschrauber aus über dem Jadebusen abwerfen. Spektakulär auch der Transport der "Tante Olga": das Papierschiff kam 1977 auf ungewöhnlichen Wegen zur Dokumenta nach Kassel, um für Dangast zu werben. Anatols Vermächtnis ist zweifelsohne die "Jade" am Strand - grün, nackt und gern getätschelt.
Der hölzerne Kaiserstuhl vom Wikinger-Oberhaupt Butjatha (alias Wilfried Gerdes) trotzt auch seit Jahren Ebbe, Flut, Algenbewuchs und kindlichem Spieltrieb. Die Schau stiehlt ihm der Granit-Phallus nebenan. Sein Bildhauer Eckart Grenzer schuf ihn an der Flutkante - "als verbindendes Glied zwischen dem weiblichen Meer und der männlichen Erde". 1984 und danach reizte er die Gemüter, war er sozusagen der Stein des Anstoßes. Harmlos ist dagegen der "Blanke Horst", auch von Grenzer und auch ein Gezeiten-Opfer. Der Steinkopf ist eine Huldigung an den Fischer Horst Blanke. Selbst Beuys hat für Dangast den Hammer geschwungen! Und auch diese Kreation ist am Gestade vor dem Kurhaus sichtbar. Anatol und sein Meister schmiedeten eine sowjetische Sichel zu einem Friedenssymbol - mit einem Hammer aus der Deutschen Demokratischen Republik.

Anatols Konterfei, markant mit schwarzem breitkrempigem Hut, hängt über dem Kühlschrank hinter dem Selbstbedienungs-Tresen im Kurhaus - im Refugium von Karl-August Tapken. Das ist quasi seine Hommage an den Künstler. Der Chef kredenzt den Kreativen Kaffee und Weltoffenheit seit er das Kurhaus 1977 von seinen Eltern übernommen hat - die Anlage samt Strandabschnitt ist seit 1883 im Familienbesitz. Schon Karl-Anton und Olga gaben den Gaben ihrer Gäste Raum. Die hohen Wände des ehemaligen Conversationshauses, dessen Akustik eine Herausforderung für Musiker ist, bebildern das. Jeder Winkel birgt Kunst. Ein Saal-Rundgang - begleitet vom Ächzen der Holzdielen - offenbart viele, sich ergänzende Stilrichtungen: ein naturalistisches Rharbarber-Stilleben, eine bizarre Strandszenerie mit Liebespaar und dämonischen Wassergestalten oder phantastische Kurhaus-Impressionen mit Walen, Eisbären und Sauriern. Letztere und den Wal "Walter" hat die Menschenmüll" - Aktivistin Jana Hackerova gemalt.

Der weiße Riese "schwimmt" auf der Flutmauer. Vor Walter machen es sich viele gern im Jade-Sand bequem. Der bekommt eine extra Körnung zwischen 0,3 und 1 Millimeter, bevor er an den Tapken-Strand darf. "Feiner darf er nicht sein, dann staubt es zu sehr", erklärt der Chef. Sein Credo: Für seine Gäste nur das Beste. Den Kindern füllt er gerne Tee oder heiße Schokolade im Weihnachtsmann-Becher ab. Das ganze Jahr über. Daran haben sie ihr Vergnügen und er seins, erzählt Karl-August Tapken. Dass er für seine Kulturarbeit im November 2002 die "Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" bekommen hat, erzählt er nicht. Weil er chronisch bescheiden ist.
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Wenn es eine Auszeichnung für die perfekte Inszenierung von Seemannslatein gäbe, wäre Anton Tapken aussichtsreicher Kandidat. Der Bruder von Karl-August ist Kapitän und Eigner der schicken "Etta von Dangast". Mit ihr oder der "Jade-Perle" schaukelt er Ausflügler über den Jadebusen, zu den Seehundsbänken oder einmal um den Arngaster Leuchtturm. Unterhaltung inklusive.

Die Saison ist so sicher wie die nächste Flut und deshalb spitzen Anton Tapken und seine Kollegen aus dem Jade-Yacht-Club Dangast-Varel im Frühjahr am Hafenbecken Birkenstämme an. Diese "Pricken" rammen sie ins Watt und markieren so die Fahrrinne. "Vorhin habe ich einigen Leuten erzählt, dass die Bäume für neue Anpflanzungen im Nationalpark sind. Und die haben mir geglaubt", grinst Anton Tapken. Dann tuckern die Männer los. Die neue Seestraßen-Allee pflanzen, ruft der Mann mit dem "T" auf der Mütze. Die "Pegasus" knarrt. Den müden Kutter hat sich Anton Tapken bei einer Zwangsversteigerung zugelegt.

Früher gehörten die Kutter zu Dangast wie die Würmer ins Watt. 1920 waren es 24. Um 1950 gab es noch zwölf. Sie brachten jahreszeitenbedingt Garnelen, Schollen oder Muscheln in das Seebad. Auch mit Schlickschlitten waren die Fischer im Jadebusen-Watt unterwegs. Damit war allmählich Schluss, als 1958 der kleine Sielhafen und das Schöpfwerk entstanden. Heute dieselt nur noch "Hein Godenwind" aus Varel in den Hafen und verkauft in der Saison Krabben.

Gekocht und kiloweise geht der Granat von Bord - an die Einheimischen, die Tagesgäste und an jene Touristen, die bei Inge Tapken urlauben. Sie ist die Betreiberin des Campingplatzes an der Rennweide und die Schwester von Karl-August und Anton. Bei ihr gastieren in erster Reihe die Dauercamper mit Zelten und Wohnwagen. Ihre Schwester Lena, die vierte im Tapken-Clan, hat auch von Bremen aus immer den Blick dahin, wo sie einst Sandburgen baute. Das erzählt sie im Buch "Rund ums alte Kurhaus Dangast". Auch andere fabulieren darin über die einstige Künstlerkolonie mit Kult-Status am Busen der Jade.

Der ist der Friesen liebstes Stück. Das propagiert ein verwitterter Laternenpfahl-Aufkleber auf der Strandmauer-Promenade. Der Slogan ist verblasst, aber aktuell. Um einen Blick aufs blanke Wasser des südlichen Jadebusens werfen zu können, bringen viele Friesen am Wochenende ihr zweitliebstes Stück mit: ihr Motorrad.
Auch Chrom-Exhibitionisten von woanders rollen am Wochenende über Dangastermoor in das Seebad. Für seine Ganz-in-Leder-Gäste hat Karl-August Tapken stets Nikotin-Nachschub in Tabakbeuteln vorrätig - von Drum, Samson bis Van Nelle. In der Kurhaus-Veranda, dem Sammelplatz für Sonnenscheue und benutztes Geschirr, suchen Biker über Pinnwand nach neuen schnellen Möglichkeiten.

Draußen ist Sonnenbrillen-Zone. Die Kurhaus-Terrasse ist üppig besetzt. Dabei sein ist alles. Wer hierher kommt, besteht nicht auf einen Solo-Platz an der Flutmauer-Reling. Und dass draußen Selbstbedienung ist, ist so selbstverständlich wie das bedarfsgerechte Stühle- und Tischerücken. Das dient der Kommunikation. Nebenan in der "Kurhaus-Klause" ist das nicht anders. Sie gehört auch zum Tapken-Territorium: Die Kneipe im früheren Warmbadehaus führt Friedrich-Wilhelm, der Bruder der anderen vier.

Vor drei Jahren haben sieben Bildhauer zur Weltausstellung die Schöpfung in Stein umgesetzt. Der Kunstspaziergänger findet ihre "Sieben Seh-Zeichen auf Sieben See-Meilen" am Deich zwischen Mariensiel und Dangast. Eckart Grenzer hat den "7. Tag", den Ruhetag, für Dangast kreiert. Er symbolisiert einen Sonntag wie heute. Die Sonne tut ihr Bestes. Die Glaubensgemeinschaft trinkt Kaffee, ist andächtig und strahlt zurück.
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Liebe Lust-auf-Dangast-Besucher,

der hier abgedruckte Bericht ist schon was Besonderes! Aber die Steigerung: Die Original-Ausgabe mit großformatigen Dangast-Fotos auf 8 (!) Seiten.

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