Der FRIESLÄNDER BOTE
stellt uns aus seiner Dangast-Ausgabe von 1990 folgende Artikel zur Verfügung:
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Dangast - heimliche Heimat der Kunst

Ein Bericht von Prof. Dr. Gerd Presler (Karlsruhe)

Dangast - per Bahn bis Varel und dann irgendwie, aber davon ist noch die Rede. Wer weiß schon, daß sich hinter diesem Namen das vielleicht älteste Nordseebad verbirgt, ehemals mit "Konversationshaus, Logiergebäude, Park und Badehaus". Bis heute blieb vieles erhalten: Der schmale Geestrücken in der weiten Marchenlandschaft, der am Kurhaus endet und "jäh" über einige Meter Höhenunterschied zum Strand, zum Watt, zum Jadebusen abfällt. Der Maler Willy Hinck weiß zu berichten - und die alten Gästebücher bestätigen seine Angaben -, daß schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts fünf Maler aus Berlin anreisten, um hier zu arbeiten. Es muß etwas Besonderes über dieser Landschaft liegen; etwas, das Malerinnen und Maler immer wieder anzog und festhielt; ein Glanz, der schöpferische Kräfte entband, beförderte und bestimmte. Die Geschichte dieses kleinen Fischerortes ist gegenzeichnet von der Kunst. Wenn der Name Dangast heute in zahlreichen Lexika, Dokumentationen, Kunstmonographien zu finden ist, dann als Ort ganz unerhörter schöpferischer Neuanfänge, die das bildnerische Geschehen in diesem Jahrhundert nachhaltig und markant beeinflußten.


1907 - Das "BRÜCKE"-Ereignis

Es begann, wie erwähnt, und das vermerken die Grambergschen Gästebücher, eher unauffällig: Fünf Maler aus Berlin. Nicht einmal ihre Namen blieben erhalten. Dann aber nisteten sich 1907 erstmals - nach einer Reise mit dem Finger über die Landkarte und der vagen Vermutung, hier ließen sich "malerische" Reize finden - zwei Dresdner Architekturstudenten in Privatquartieren ein. "Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt", so hatten sie in Ihrem Programm 1905 erklärt. In Dangast fanden sie ihre malerische Sprache. Alles hier "drängte sie zu unverfälschtem Schaffen". Und so reisten Sie an.

"Mit ihren bunten Halstüchern und den eigenartigen Pumphosen fielen sie gleich auf, die beiden Maler. Sich so anzuziehen, das war unanständig. Und außerdem stellten sie den Mädchen des Dorfes nach." Frieda Gramberg erinnerte sich sehr genau. "Als Kinder haben wir gesehen, wie sie ihren Malerkram auspackten und anfingen." (Interview 1978)

Sie war 14 Jahre alt, als Karl Schmitdt-Rottluff (geb. 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz, gest. 10. August 1976 in Berlin) und Erich Heckel (geb.31. Juli 1883 in Döbeln/Sachsen, gest. 27. Januar 1970 in Radolfzell) erstmals in Dangast eintrafen. Man schrieb Ende Mai 1907.

Heute kennt jeder ihre Namen, und die Bilder, die sie hier malten, kosten viele hunderttausend Mark. Aber damals achtete niemand auf sie."

Was sich in den Jahren bis 1912 in dem kleinen Fischerort am Jadebusen unter ihren Händen auf der Leinwand und dem Papier vollzog, sollte später als eine der größten Kühnheiten künstlerischen Bemühens in diesem Jahrhundert gelten.

In Dangast begegneten sie einer mächtigen Natur, einer herben Landschaft mit unendlichem Himmel. Sie erlebten eine Baumblüte, kurz, heftig, überquellend, und die in Stürmen tobende See, welche die Deiche zernagte und die Menschen daran erinnerte, wie klein sie doch sind.

Oft sind Gästebücher mit ihren nüchternen Eintragungen rare Dokumente. Am 28. Mai 1909 reiste "Frl. Dr. Schapire" von Hamburg nach Varel, einer kleinen Bahnstation zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven. Der Bauer und Fuhrmann Heinrich Gröning aus Dangast stand schon bereit, das Gepäck unter dem Kutschbock seines pferdebespannten "Omnibus" zu verstauen. Das Fräulein Doktor, seinen einzigen Fahrgast, kannte er vom vergangenen August. Diesmal kam es früher. Die Saison begann am 15. Juni und dauerte bis zum 15. September. Wenn jemand schon jetzt anreiste, dann mußte das einen besonderen Grund haben.

Carl Gramberg begrüßte sie am Kurhaus, wie immer korrekt gekleidet mit Gehrock und steifem Hut. In seinem "Badeetablissement, direkt am Strand des Jadebusens gelegen, dem im romantischen Style ausgeführten Konversationshaus mit offener und geschlossener Veranda, den beiden Logierhäusern und dem Warmbadehaus, in welchem heiße, gesundheitsfördernde Meerwasser- und Schlammbäder gegeben wurden", blieb er seinen etwa 370 Gästen pro Saison nichts schuldig; Bankdirektoren, Professoren, Gerichtspräsidenten, Ärzten und begüterten Rentiers, die die Vorzüge des "ältesten unter den deutschen Nordseebädern" zu schätzen wußten. Bei einem Pensionspreis von 6 Mark gab es drei herzhafte, zuweilen sogar erlesene Mahlzeiten. Extra bezahlt werden mußte der Wein, 6000 Flaschen, die, mit Namensschildchen versehen, auf jeden Tisch gehörten.

Tage zuvor hatte Heinrich Gröning einen weniger noblen und zahlungskräftigen Gast vom Vareler Bahnhof abgeholt. Er war 24 Jahre alt, trug einen kleinen Spitzbart und hatte nicht viel Gepäck bei sich: drei Hemden, zwei Anzüge, eine dreibeinige "Stafette". Wie in den Jahren zuvor wollte Karl Schmidt-Rottluff den Sommer über in Dangast malen. Die Dorfbewohner mochten ihn, weil er versuchte, "platt" zu sprechen. Auch trug er inzwischen wie sie Holzschuhe.

"Er wohnte in Dangastermoor. Das war billiger", berichtete 1978 in einem Interview Willy Gröning, Nachfolger seines Vaters auf dem Kutschbock. "In Dangast war damals nichts los. Aber die Maler hatten trotzdem nie Langeweile. Sie fuhren überall mit dem Fahrrad hin, bauten ihre Staffelei auf. 1908 hat Schmidt-Rottluff meinen Vater gemalt. Aber das Bild ist schon lange verschwunden. Unser Haus hat er auch gemalt. Das habe ich selbst gesehen. Es dauerte mehrere Tage. Er kam morgens zwischen acht und neun Uhr und arbeitete, bis die Sonne unterging. Schwarzbrot mit Schinken hatte er dabei, und Kaffee bekam er von uns. Aber weswegen die Maler ausgerechnet nach Dangast kamen, das weiß ich nicht. Wir Kinder fanden die Bilder scheußlich."

Dann ereignete sich 1909 ein Zwischenfall, an dem das ganze Dorf anteil nahm. In eben jener Gastwirtschaft Kracke in Dangastermoor brach ein Brand aus. Schmidt-Rottluff verlor achtzig Bilder. Es ist nicht auszuschließen, daß Rosa Schapire, die als eine der ersten Frauen im Fach Kunstgeschichte eine Doktorarbeit schrieb, deshalb kam. Seit 1906 förderte sie ihn, wo sie nur konnte, kämpfte, stritt für seine Anerkennung. Sie schien zu spüren, daß hier ein ungeheurer Gestaltungswille geradezu herrisch alles Hinderliche beiseite schob, um frei und ungezügelt von allen Vorschriften und Einengungen Malerei in ein Erlebnis zu verwandeln.

Karl Schmidt-Rottluff sprach schon 1907 vom "Rhythmus der Farben", und später, 1908, schrieb er der Sammlerin Luise Schiefler: "Ich hoffe, daß mir der Sommer die Freiheit bringt von all dem Kleinen und Widerlichen, das einen hemmt."

Es war eine neue, unerhörte Kunst, die mit den Gesetzen der Akademie brach: Karl Schmidt-Rottluff hatte nie ihre Zeichensäle besucht, nie ihre "geheiligten Hallen" betreten. Architekt wollte er werden, Baumeister, bis er mit Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl 1905 an der Technischen Hochschule in Dresden die Künstlergemeinschaft "Brücke" gründete und sich ganz der Malerei verschrieb.

Seit 1909 berichtete Dr. Schapire auf Postkarten von all seinen Plänen, und zur Verdeutlichung zeichnete er mit raschen Strichen und wenigen Farben, was ihn zu Ölbildern und Aquarellen, Radierungen, Holzschnitten und Lithographien, Schmuckgegenständen, Holzarbeiten und Schriftentwürfen reizte. Einige frühe Sammler erhielten ebenfalls solche Mitteilungen, heute kostbare Zeugnisse. Das "Brücke"-Mitglied Max Pechstein beteiligte sich 1910 ebenfalls an dieser Bild-Korrespondenz: Absender Dangast.

In Dresden, Hamburg und Berlin wäre der Großstadtmensch Karl Schmidt-Rottluff wohl niemals jene "merkwürdig bewußte, der Natur gegenüber von feierlichem Ernst beseelte Persönlichkeit"
geworden, als die ihn der Oldenburger Jurist und Sammler Ernst Beyersdorff beschrieb.

Zunächst hatte er sich in seiner Malweise noch nach französischen und niederländischen Vorbildern gerichtet. In Dangast lernte er eine Landschaft kennen, die in großen, übersichtlichen Flächen das Gefühl von Weite vermittelte. Derselben Größe und Wucht begegnete er in den stillen silbrig-grau schimmernden Watten, den in langen Linien sich hinschwindende Deichen. Moore und Marschen verstärkten den Eindruck räumlicher Tiefe unter einem unendlichen Himmel; geduckt die Häuser, umgeben von schützenden Bäumen.

"Unmittelbar und unverfälscht", wie das "Brücke"-Manifest es forderte setzte sich Karl Schmidt-Rottluff diesen Urgewalten aus. Niemals zuvor drang die "harte Luft der Nordsee", wie Ernst Ludwig Kirchner sagte, so befreiend in das ein, was ein Maler hervorbrachte. Karl Schmidt-Rottluff bildete nicht ab, kopierte nicht, was er sah. Er setzte vielmehr frei, er entließ in Farben von bis dahin nicht gekannter Leuchtkraft und Formen von bisher nicht gewagter Einfachheit, was er im Innersten empfand.

"Von mir weiß ich, daß ich kein Programm habe, nur die unerklärliche Sehnsucht, das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden." Was er malte, das läßt sich noch heute finden. Aber wie er es malte, das blieb ihm vorbehalten. Das Bild "Deichdurchbruch", 1910, zeigt einen alten Deich, "durchbrochen", damit das Vieh im neugewonnenen Vorlandweiden kann. Für Karl Schmidt-Rottluff beherrscht ein ungebrochenes Rot fast die gesamte Fläche; kleinere Bildabschnitte in Blau und Grün. Wenige schwarze Linien unterteilen nicht, sie erhöhen noch die Raumwirkung.

"Es ist unglaublich, wie stark man die Farben hier findet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat, fast zu scharf für die Augen. Dabei sind die Farbenakkorde von großer Einfachheit. Malen kann hier eigentlich nur heißen: Verzicht leisten vor der Natur, und es an der richtigen Stelle tun ist vielleicht eine Definition für Kunst", schrieb er 1909 an den Sammler Gustav
Schiefler.
Ein merkwürdiges Gebäude beschäftigte ihn mehrfach, eine Kuriosität im sonst eher „ärmlichen Dangast. Der Kaufmann Wilhelm Wobick hatte Ende des 19. Jahrhunderts die "Villa Irmenfried" erworben. Um von dort aus in Richtung Norden auf das Wattenmeer sehen zu können, ließ er einen hölzernen Turm errichten, von dessen Balustrade er den ersehnten Blick genießen konnte. 1926 riß man das morsch gewordene Monstrum ab. Aber in zwei Ölbildern, einem Aquarell und drei Holzschnitten hat das "Strandschloß über Land und Meer, klein, aber mein", wie eine Inschrift noch heute betont, die Zeiten überdauert. Die Dangaster sind sehr stolz auf den unvergessenen Wobicksturm, und wenn der "Hullmannsche Klare" die Kehlen öffnet, dann singen sie: "Um einen Eiffelturm zu sehen, braucht man nicht nach Paris zu gehn. Vorm Wobicksturm muß er verschwinden".

Und immer zugegen sind auch jener Brand von 1909 und das Schicksal der achtzig Bilder. Sind sie wirklich verbrannt? Geschichten ranken; geheimnisvolles Getuschel. Im 1. Weltkrieg soll Karl Schmidt-Rottluff, als er einberufen wurde, wiederum "nicht wenige Bilder", wie Willy Gröning andeutete, auf dem Dachboden des Gasthofes Kracke untergestellt haben. Dann verfügte ein Erlaß, alle Speicher müßten wegen der englischen Brandbomben "entrümpelt" werden. Gastwirt Kracke bekam es mit der Angst und vergrub die anvertrauten Leinwände in seinem Garten. Viele Jahre später ging ein Hamburger Kunsthistoriker den verwischten Spuren nach - und fand Reste alter Rahmen; von den Leinwänden keine Spur.

Und noch eine dritte Geschichte hält sich hartnäckig. Emma Ritter, eine Malerin aus dem nahen Oldenburg, schloß sich Schmidt-Rottluff in den drei Sommern von 1910 bis 1912 an. Sie berichtet in ihren Erinnerungen davon, wie dieser "eine dicke Rolle" mit Leinwänden "bei Ebbe ins Tief warf - mit der Flut aber kam sie wieder ans Land. Sie sollte wohl aus seinem Geschaffenen verschwinden.

Vielleicht sollen diese Geschichten erklären, weshalb von den vielen Dangaster Bildern nur etwa zwanzig erhalten blieben.

Das "Ereignis" Dangast wirkte in Karl Schmidt-Rottluff zeitlebens nach. Noch Jahre später erinnert er sich fast wehmütig. "Es ist eigentümlich, wie starke, und ich möchte behaupten, heimatliche Gefühle mi mit dem Oldenburger Land verbinden - nicht mit meiner eigentlichen Heimat habe ich solchen inneren Zusammenhang", schrieb er am 4. September 1921 an Ernst Beyersdorff. Seinem "Nachfolger" Franz Radziwill, den er veranlaßte, sich 1922 in Dangast niederzulassen, gestand er auf einer für ihn typischen "Künstler-Postkarten": "Lieber Radziwill, das Wahrzeichen von D. wird also umgebaut, ich kriegte Heimweh nach Dangast. Gruß Ihr S.R."

Heute spürt man nur noch außerhalb der "Saison" die Stimmung aus der heraus hier ein Kapitel der Kunstgeschichte geschrieben wurde. Inzwischen gedachten die Dangaster ihres früheren Sommergastes. Im Neubaugebiet trägt eine Straße seinen Namen.


Zwei Porträts - Dokumente der Freundschaft

Malerische Zeugnisse ihrer menschlichen Verbundenheit untereinander schufen die "Brücke"-Maler, als sie sich in Dangast gegenseitig porträtierten: Karl Schmidt-Rottluff malte 1908 Erich Heckel als "Mann in der gelben Öljacke" im "Friesennerz". Diese "Orgie in Gelb" hing bis 1937 im Landesmuseum Oldenburg. Dann beschlagnahmten die Nazis das Gemälde als "entartete Kunst". Es gilt seither als verschollen. Der Maler Friedemann Hahn (geb. 1949) schuf 1989/90 ein großformatiges Bild, das an den unersetzlichen Verlust erinnert. In Dangast entstand auch jenes inzwischen weltweit bekannte Gemälde aus der Sammlung Lothar Günther Buchheim, das Erich Heckel von seinem Malerfreund Max Pechstein 1910 malte, als dieser sich in einem Liegestuhl ausruhte - eine Orgie in Rot.


Sechzig Jahre in Dangast Franz Radziwill

Nach dem 1. Weltkrieg kamen die Maler der "Brücke'. nicht mehr nach Dangast. Aber sie schickten aus dem brodelnden Trubel der Weltstadt Berlin einen "Nachfolger" in die Stille des Fischerdorfes: Franz Radziwill (1895-1983). 1921 mietete er sich erstmals ein, kam wieder, und als er die "blühenden Bäume" des Frühlings sah, aufmerksam gemacht von Paul Gramberg, dem Besitzer des Kurhauses, da blieb er. "Wo moi! Wie schön!" (Näheres zur Biographie: Katalog Raum und Haus.. Erhältlich im Franz-Radziwill-Haus, Sielstraße 3.

Zunächst malte er wie seine Freunde. Dann aber zog die harte Wirklichkeit seiner Kriegserlebnisse, die Erfahrung von Brüchigkeit und Gefährdung der Welt durch den Menschen in seine Bilderwelt ein. Er begann, die erhalten gebliebene Wirklichkeit sorgsam, altmeisterlich genau und dankbar zu verzeichnen. Auf Reisen nach den Niederlanden eignete er sich jene Malkunst, jene unerhörten Fähigkeiten an, die seitdem seine Arbeit bestimmten. Es entstanden die Gemälde "mit schwarzem Himmel", darunter der" Todessturz Karl Buchstätter", das heute im Folkwang-Museum Essen hängt.

Mit Otto Dix arbeitete er 1927/28 in Dresden zusammen. Der Kollege malte ihn - 1937 diente das Werk (heute Kunsthalle Düsseldorf) den Nazis, beide als "entartet" zu verhöhnen; beide der künstlerischen und wirtschaftlichen Grundlage zu berauben. 1933 zum Professor an der Akademie der Bildenden Künste Düsseldorf zum Professor berufen als Nachfolger von Paul Klee, warfen die Machtinhaber Radziwill schon 1935 aus dem Amt und verdammten ihn: Kulturbolschewist. Ab 1938 durfte er nicht mehr malen; nicht mehr ausstellen.
Heimlich entstanden Gemälde. Sie wurden unter den Dachsparren des Hauses an der Sielstraße verborgen. Er mußte erleben, daß 51 seiner Arbeiten aus den Museumsbeständen entfernt wurden. Ein großer Teil blieb bis heute unauffindbar. Vielleicht wurden die verbrannt. Den Maler zog man ein.

1942 starb seine Frau. Als er 1945 nach Dangast zurückkehrte, fand er das Haus an der Sielstraße leer .

Er stürzte sich in die Arbeit, fand 1947 in der Lyrikerin und erfolgreichen Romanautorin ("Annette oder die Tochter der Landleute) Anna Inge Riechelmann aus Wernigerode im Harz eine künstlerisch und menschlich wertvolle Gefährtin.
Dann tollte mit Tochter Konstanze neues Leben durch ‘'Radziwill sin Turm'‘. Er wurde zum Maler der hohen Himmelstürme, der rätselhaften Architektur, des Wassers, des Watts und der wechselnden Wolken. Wo für sich allein steht Franz Radziwill, der überzeugendste Vertreter des magischen Realismus in unserem Lande. Seine Kunst besitzt die innere Konsequenz und Überzeugungskraft, die der Malerei des Gegenstandes über die eigentlichen Ziele des Neorealismus hinaus ihre Aktualität als künstlerisches Phänomen erhält, schrieb Dr. Paul Vogt, Direktor des Folkwang-Museums Essen. ‘'Kompromißlos neue Wirklichkeiten schaffend'‘ (Gerhard Wietek), inspirierte ihn der weite Blick bis zum Horizont, wo sich Himmel und Meer, diesseits und jenseits begegnen.
Sein Werk fand Eingang in die großen Museen. Ein wichtiger Teil blieb in Dangast, wo die Franz - Radziwill - Gesellschaft nach seinem Tode (12. August 1983) das kostbare Erbe verwaltet, wissenschaftlich betreut und der Öffentlichkeit in Veranstaltungen und Führungen zugänglich macht.


Dangast - Quelle der Inspiration

Radziwills Kollegin, die jüdische Malerin Martel Schwichtenberg (1896-1945), malte zeitweilig in Dangast; Wilhelm Tegtmeier, der großartige Holzstecher, gestaltete Mosaiken am Dangaster Siel; Jan Oeltjen schuf im nahen Jaderberg ein bedeutsames Werk, das vor allem in empfindsamen Aquarellen die ganze Farbenfülle der Marschen und Moore, der feuchten Gräben unter verhangenem, oft in expressiv-dramatischen Lichtkaskaden geöffnetem Himmel aufnahm. Er gab seine Palette, seine Pinsel, seine Staffelei an Willy Hinck (geb. 1915) weiter, der als vorläufig letzter Künstler die große Tradition Dangasts verkörpert. In mehr als vierzig Jahren hat er sich mit der Ausdrucksvielfalt des Aquarells beschäftigt Dabei durchschritt er eine konsequente Stufenfolge, die sein Malerkollege Gert Kleimann so beschrieb:

. . . .eine Entwicklung, die ausging von der äußeren Orientierung und einmündete in eine innere Diktion.
Willy Hinck fand bei aller Naturnähe zu einer unverkennbar eigenen Handschrift. In überzeugender Architektonik und wundervoll abgestimmter Farbigkeit komponierte er zudem auf dem sandigen Boden von Dangast einen sehenswerten Garten - wie Emil Nolde in Seebüll und Claude Monet in Givemy , ein beeindruckendes Aquarell.

‘'Was fesselt, ist .schwer beschreibbar", so der Kunstkritiker Jürgen Weichardt. ‘'Eine wesentliche Rolle spielt . . . das Licht. . . das nicht grell überstrahlt, was im Vordergrund zu sehen ist, sondern aufhellt, erleuchtet, ähnlich der Abendsonne über den weiten Feldern Nordwestdeutschlands. Als Willy Hinck kürzlich seinen 75. Geburtstag im Dangaster Kurhaus (K A. Tapken) feierte, konnte er aus dem Munde von Varels Bürgermeister K H. Funke Lobendes hören:
‘'Wer Willy Hincks Bilder betrachtet, spürt sehr intensiv, daß er seine Heimat braucht, um künstlerisch zu wirken. Aber diese Heimat, sein Varel, sein Dangast braucht auch ihn.'‘


Freie Akademie Oldenburg in Dangast

Turbulent ging es zu, als 1975 Schüler des Düsseldorfer Akademieprofessors Joseph Beuys die Idylle um das Kurhaus eroberten, wobei sich Kar! Anton Tapken und seine Frau Olga als sehr verständnisvolle Gastgeber und Mäzene erwiesen. Sie gründeten unter Mithilfe z. B. von Dr. Dr. Ummo Francksen, dem langjährigen Vorsitzenden des Oldenburger Kunstvereins, einem großen Förderer der Künste, die .Freie Akademie Oldenburg- (Sitz Dangast). Anatol (Herzfeld), Zeichner, Maler, Puppenspieler und Polizist, Bildhauer und unerschöpflicher Geschichtenerzähler, inszenierte Arbeitszeiten. Bäume wurden rot oder blau angestrichen. Kreativität wurde zum obersten Prinzip erhoben: Kunst ist Arbeit; Arbeit ist Kunst.

In den folgenden Jahren kehrte die bunte Schar immer wieder nach Dangast zurück, besetzte das Hauptquartier Kurhaus, schuf Kunst zwischen möglichem und unmöglichem. Höhepunkt: Ein aus Polyester gefaltetes Papierschiffchen fuhr über Jadebusen und Weser bis zur documenta nach Kassel. Es entstand die Jade. Jene glubschäugige Schöne, die jeden Winter eingeholt werden muß, damit Ihr das Eis des Jadestrandes nicht zu nahe tritt. Schwere Stürme überstand der Stuhl des Kaisers Butjatha. E. Grenzer schlug aus hartem Stein einen Penis, der umspült vom weiblich-weichen Wasser, die Vermählung des männlichen und fraulichen Prinzips symbolisch verkörpert. Wochenlang berichteten die Gazetten von dem unerhörten Gebilde; Hausfrauenvereine von weither gaben sich das Geländer der Strandmauer in die Hand.

1976 veranstaltete die Freie Akademie, getreu ihrem Wahlspruch, eine Sportaktion: ein feucht-glitschig-fröhliches Schlickschlittenrennen. Geldpreise winkten - jede Arbeit ist ihres Lohnes wert -, und nach mehrstündigen Wettkämpfen im schwarzen Naß standen die Sieger fest. Dann erschien der Meister selbst, von der sachkundigen Presse als Joseph Boys angekündigt. Er bezeichnete die Gründung der Akademie als Notwendigkeit, das Prinzip der Freiheit der Kunst direkt zu realisieren. Wiederum stand Dangast einige Tage im Zentrum des Kunstgeschehens.
Ein solches Modell, wie es hier in Dangast gefunden wurde, mußte Nachfolge finden; an möglichst vielen Stellen in der Welt mußte man die Freie Volksuniversität haben - in England, in Holland, in Irland und Frankreich; eine Art Netzwerk wie eine Art Hefeteig. Der Kunstbegriff ist nicht länger nur eine Tätigkeit im Kulturbetrieb; sondern er bezieht sich auf alle Gestaltungen. Dann schmiedete Joseph Beuys unter Mithilfe von Anatol eine sowjetische Sichel mit einem DDR-Hammer um zu einem Friedenssymbol. Wenn ihr mich nach Oldenburg und Dangast ruft, komme ich sofort wenn es möglich ist.

Und nun ...?

Es bleibt zu hoffen, daß der kleine Fischer- und Badeort am Jadebusen seine bedeutende Vergangenheit fortsetzen kann. Mit dem Franz-Radziwill-Haus in der Sielstraße ist ein guter Anfang gemacht. Vielleicht sollten Land, Gemeinde und private Sponsoren ein mehrmonatiges Brücke-Stipendium oder in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft ein Franz- Radziwill-Stipendium. einrichten, welches jungen Malerinnen und Malern an den Ort der Inspiration, die Geburtsstätte umfassender , künstlerischer Aufbrüche in diesem Jahrhundert führt.